Weinlese Anno Dazumal

Herbst! das bedeutet früher wie auch heute in der Pfalz die Hoch-Zeit des Winzers. Ein ganzes Jahr Arbeit wartet draußen im Feld und möchte heim geholt werden, ein neuer Jahrgang steht sozusagen vor der Tür und will gut versorgt sein. 

Heute bedeutet die Weinlese für den Winzer wie damals Höchsteinsatz, wenn sich auch die Arbeit im Gegensatz zu früher sehr entspannt hat. Heute fahren nach Erntebeginn die Vollernter Tag und Nacht durch die Weinberge, "dreschen" die Trauben von den Stöcken um sie dann in bereitgestellte Erntewagen zu schütten. Weinlese mit der Hand ist äußerst selten geworden, sie ist zu arbeitsintensiv und letztendlich auch zu kostenintensiv geworden. 

Doch wie war das früher, noch vor 50 Jahren und mehr in der Pfalz? Folgen Sie uns in unserer reise in die Geschichte der Weinlese....

Wenn früher die Trauben anfingen, weich zu werden, wurden die Wingerte "geschlossen". Das bedeutete, daß niemand, der nicht begütert war oder wegen dringender Arbeiten ins Feld mußte, keinen Zugang mehr in die Wingerte hatte. Darüber wachte mit wachsamem Auge der Feldschütz, der nicht nur die Stare und Vögel vertrieb, sondern auch potentielle oder tatsächliche Traubendiebe verfolgte. Wenn schließlich der Herbst nahte, wurde der Weinlesetermin amtlich festgesetzt. Da hieß es dann: ab dem soundsovielten dürfen Riesling gelesen werden, ab dem soundsovieleten Portugieser usw.. Wer mit der Lese früher begann, hatte mit Ordnungsstrafen zu rechnen.

Die Trauben reiften früher wesentlich später als heute. Herbstbeginn war in aller Regel erst Anfang Oktober und der Herbst zog sich meist vier bis sechs Wochen, oft bis in den November hinein.

Im September, wenn in den Wingerten keine Arbeit mehr war, begannen die Winzer ihre Fässer und Herbstgeschirre zu richten und zu säubern. Die hölzernen Bütten, Kübel und Hotten wurden aus den Kellern geholt und fleißig "verschwellt", das heißt mit Wasser begossen, damit sie dicht wurden. In vielen Orten standen die Bütten auf den Straßen und boten im Herbst ein übliches Bild in den Weindörfern der Haardt.


Auch mußte der Winzer dafür sorgen, daß er genug Leserinnen und den einen oder anderen Hottenträger als Helfer organisierte, wenn die eigene Familie als Herbstmannschaft nicht ausreichte. Die Kinder bekamen zum Herbst schulfrei und mußten wie die Großen bei der Lese mithelfen. Indes gab es in der Regel genügend Hilfswillige, die sich mit dem Herbstgeld etwas dazu verdienen wollten oder mußten. Nach dem Krieg war oft der Anreiz eines guten Herbstessens Motivation beim Herbsten zu helfen. Aus den Dörfern im Gäu kamen die Helfer genauso wie aus den Dörfern im Pfälzerwald. War die Anreise weit, so schliefen die Herbstleute von außerhalb mit in den Gesindestuben, wenn diese vorhanden waren oder im Heu über dem Stall.

In früheren Zeiten war der morgendliche Herbstbeginn an den Sonnenaufgang geknüpft. Im oft dichten Morgennebel  reihten sich die Leserinnen und Hottenträger und die Kinder hinter dem Fuhrwerk um zu Fuß hinaus in den Wingert zu ziehen. Die Mitfahrt auf dem noch leeren Fuhrwerk war nur den Fußkranken gestattet. Auf der "Langmitt" (der Deichsel, die zwischen den Hinterrädern ein Stück hervorragte) zu sitzen, war fast schon Luxus, auch wenn man da jeden Stein spürte, den das Furhwerk passierte.

Am Wingert angekommen, wurde der Gaul oder der Ochse, ( bei kleineren Wirtschaften die Kuh) ausgespannt und heimgeführt. Dann wurden die Wingertscheren und Kübel verteilt und immer zwei Leserinnen wurde eine Zeile zugeteilt, an die sie sich beidseits stellten. Jeder Hottenträger, sofern es mehrere gab, hatte eine ganze Anzahl Leserinnen zu "bedienen".

Das Lesen der Trauben war eine Arbeit, die manches Kreuzweh nach sich zog. Die Zeilen waren oft nur 60cm hoch und in einem Urwald von Laub galt es, die Trauben mit den Händen freizulegen. Das änderte sich erst nach dem Krieg, als man begann, die Zeilen in die Höhe zu ziehen.

Zudem galt es, den Traubenkübel, aus Blech oder früher auch au Holz immer unter die Trauben zu stellen, damit auch nichts danebenging. Heruntergefallene Traubenbeeren mußten indes fleißig wieder aufgesammelt werden, damit nichts von dem kostbaren Gut verdarb. Das Essen von Trauben war nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Besitzers erlaubt und schied von vorneherein meist komplett aus. Die Aufforderung an die Leseschar: "Kummen, ehr Mädle, singen doch mol ääns, ehr kinn doch so schä singe!", war meist nicht immer aufmunternd gemeint, sondern verbarg die Ansicht: "Wer singt, kann nichts essen".

Das Wühlen im feuchten Laub machte nasse Kleidung und klamme Finger. Die Schuhe versanken in der herbstlich-nassen Erde, die sich in großen "Bollen" daran festklebte. Durch den Wingert schallte der Ruf "Trauwe", wenn ein Kübel voll war. dann kam der Hottenträger mit einem leeren und schüttete den vollen in die Hotte. Bei vielen Winzern warenm sogenannte "Hottenböcke" üblich, die ein komfortables Aufnehmen der Hotte gestatteten. Manchesmal mußte aber auch die Hotte vom Boden mit zwei Personen hochgehoben werden, damit der Hottenträger in die Ledertrageriemen hineinschlüpfen konnte.

Die Hotte wog leer zwischen 15 und 20kg, mit Inhalt oft bis zu 70 kg. Mit dem Mosterkolben wurden die Trauben oft noch gestoßen, damit mehr hineinpasste. Seine schwere Ladung trug der Hottenträger dann zur Bütte, stieg die Leiter empor und kippte sie dann kunstvoll über die Schulter in die hölzerne Bütte. Das mußte gelernt sein und nicht wenige verloren am Anfang das Gleichgewicht auf der Leiter und lagen kopfüber mit der Hotte in den Trauben.

Um einen kleinen Anhalt zu bieten: um ein Fuder (das sind 1000Liter) Wein zu ernten brauchte man etwa 33 Hotten Trauben. Nach dem Krieg, als die Wingerte besser trugen, rechnete man auf den Viertelmorgen 1 Fuder. (625qm), früher war die Ernte aber wesentlich geringer!


Wenn irgendwann gegen Mittag die Vesper anstand, war man froh, dem geschundenen Rücken eine Pause gönnen zu können. Vor dem zweiten Weltkrieg war allerdings die Kost eher spartanisch. Die Frauen bekamen oft nur "Gequellde mit Latwerg", das sind Pellkartoffeln mit Zwetschgenmus, die Hottenträger Gequellde mit einem kleinen Stück Käse. Zu trinken gab es Malzkaffee und für die Männer "Mobs", das war aus Trester hergestellter Haustrunk. Erst nach dem Krieg, in den Fünfziger Jahren wurde die Verköstigung reichhaltiger. Da gab es dann Hausmacher Wurst oder Eintopf mit Dampfnudeln.

Bis in die 80er Jahre hinein wurde dann oft gerne aufgetragen, was Küche und Keller zu bieten hatten, manch wohlhabender Winzer schlachtete vor dem Herbst noch ein oder zwei Schweine. Abends wurde die Leserschar zum Essen eingeladen....



Nach dem Essen ging es weiter mit der Arbeit. War der Wingert gelesen und das Tagespensum erfüllt ging es zu Fuß auf den Weg nach Hause. Hinter dem vollgeladenen Fuhrwerk, auf dem niemand mehr mitfahren durfte, damit Ochs, Kuh oder Gaul nicht noch mehr zu schleppen hatten, ging es zurück ins Weingut.

Hier ging die Arbeit weiter: Große hölzerne Bütten standen schon bereit, auf einer davon stand die Traubenmühle. Das Fuhrwerk wurde nahe an die Bütte geschoben, die Tiere ausgespannt und zwischen Traubenmühle undBütte das Abladeblech befestigt. Nun gingen kräftige Hände daran, mit der Traubengabel die Trauben auf das Blech zu gabeln, einer stand unten und drehte kraftvoll das Schwungrad der Mühle. Es war eine wirkliche Schinderei, bis so eine große Bütte mit fast 1000kg durchgemahlen war. Danach wurde mit dem Schöpfkübel die Maische in die Hotte geschöpft und vom Hottenträger zur Kelter getragen um dort aufzuschütten. Die meisten Keltern waren so groß, daß man die Ladung einer Bütte darin unterbringen konnte, das waren dann etwa knapp 30 Hotten. War die Kelter gefüllt, wurden die Kelterdielen aufgelegt, darauf die Bracken (Die Preßbalken) gesetzt und die Kelter heruntergedreht. Nun galt es, die kleter langsam anzupressen und den Druck zu steigern. Bis eine Ladung Trauben gekeltert war, dauerte es schon eine Weile. Dann wurde der ausgepreßte Tresterkuchen von der Kelter genommen, aufgehackt und erneut gepreßt.

Das Keltern ging viele Stunden bis spät in die Nacht hinein. Ganz früher mußten die Hottenträger den Most in der Hotte in den Keller tragen und dort ins Faß schütten. Später kamen dann die Weinpumpen auf.